Professor Nestor Graubart

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Mein Brust-Tattoo

Heute gibt's einen kleinen Bericht einer guten Freundin von mir. Viel Spass!


Mein Name ist Silvia. Ich wohne in Bern und arbeite in einem kleinen Reisebüro. Auch an mir gehen die Trends der Zeit nicht spurlos vorbei. Vor ein paar Jahren liess ich mir mein erstes und bisher letztes Tattoo stechen. Ein kleiner Elch oberhalb des Fussknöchels sollte es sein. Das Tier verbindet mich mit Kanada, wo ich einmal einen Monat verbringen durfte und wo ich irgendwann mal wieder hin will.

Ich wollte dazu gehören und nicht diejenige sein, die kein Tattoo hat. Aber die Stelle wählte ich so, dass man es im Arbeitsalltag nicht sieht. Mein Chef hat mir von Anfang an gesagt, dass Tattoos kein Problem sind, solange diese nicht Hals und/oder Gesicht betreffen.


So stolz wie ich immer auf meinen Elch an meinem linken Bein war, so klar war mir immer, dass ich irgendwann mal mehr wollte. Irgendwann wolle ich was Grösseres, was Tolleres. Etwas, was die Anderen zum Staunen bringt. Möglicherweise auch an einer etwas ausgefalleneren Stelle. Der menschliche Körper hat da allerhand spezielle Standorte zu bieten. Lange dachte ich über meinen Hintern nach, meinen Bauch oder den Rücken.


Ich konsultierte das Internet, sprach mit Kolleginnen und Kollegen, kaufte mir Zeitschriften und besuchte sogar Tattoo-Events. Ich wollte mir die Sache gut überlegen und nicht zu denjenigen gehören, die ein Tattoo in ein paar Jahren bereuen. Irgendwann sah ich es. Das war es, was ich wollte. So und nicht anders. An einem Event mit Live-Tätowieren in Zürich sah ich zu, wie sich eine junge Frau ein relaitv grosses Motiv über eine ihrer Brüste und darunter stechen liess. Meine Brüste waren eigentlich für mich kein Thema als Standort. Doch jetzt wo ich das sah, war es für mich klar.



Ich fand die Vorstellung, eine meiner Brüste zu verschönern, extrem geil. Ich suchte mir ein Motiv aus, welches die Brust integrieren sollte. Ich wollte nicht nur einfach so ein Bild drauf haben, sondern etwas, was noch grösser war und die Form der Brust verdeutlichte. Der Stand an diesem Event hatte eine grosse Auswahl und so stiess ich auf einen Baum, welcher rote Äpfel hatte und um dessen Stamm sich eine Schlange wand. Es erinnerte absichtlich an das Paradies.


Paradiesisch sollte das Tattoo werden. Ich liess mir eine Vorlage machen und hielt diese stundenlang vor dem Spiegel dorthin, wo es dann kommen sollte. Ja, es stimmte. Das wollte ich. So musste es sein. Dann hatte ich etwas Spezielles, etwas Schönes und Tolles. Etwas, was sonst noch niemand hatte. Und es war nicht einfach ein Bild. Es war ein Monument, vereint mit meinem Körper, verschmolzen mit meiner Brust. Auf der Wölbung - so gross sind meine Brüste leider nicht - sollte die Baumkrone mit den Früchten sein, seitlich herunger der Stamm und auf der Höhe des Bauchnabels dann noch ein paar Wurzeln.


Voller Freude und Nervosität hatte ich nicht nur das gesuchte Motiv gefunden, sondern gleichzeitig auch noch den Tätowierer meines Vertrauens. Dieser Stand passte, auch die Leute waren sehr nett und machten einen sehr seriösen Eindruck. Was also konnte dem Vorhaben noch im Weg stehen? Meine Freundin Pia musste mich noch moralisch unterstützen. Das war es, was mir noch fehlte. Eine Meinung meiner besten Freundin.

Pia wusste noch von nichts, als sie zu mir in die Wohnung kam. Ich war aufgeregt und mit zitternden Händen zeigte ich ihr meine Vorlage. Pia's Begeisterung hielt sich in Grenzen. Sie fand das Motiv zwar schön, aber zu mehr konnte ich sie nicht nötigen. Wenn sie erst sah, wie es perfekt auf meinen Körper passte, oder besser gesagt "in" meinen Körper, dann würde sie begeistert sein. Da war ich mir sicher.


Ich zog also sofort Bluse und BH aus und hielt das Motiv wieder an die vorgesehene Stelle. Ich genierte mich vor Pia überhaupt nicht. Wir kannten uns seit Jahren und hatten uns schon oft nackt gesehen.


"Der Baum wird meine rechte Brust noch etwas besser zur Geltung kommen lassen." erklärte ich. "Der Stamm an der Seite und dann noch die Wurzeln... so etwa bis zum Bauchnabel."


Pia lächelte und nickte. War das alles, was sie dazu beitrug, wenn ich meinen Körper bis an mein Lebensende verschönern wollte? Ich wurde unsicher. Ist das Motiv doof? Hässlich? Unpassend?


Nach einer ganzen Weile ohne Worte stand Pia auf und zog sich ihr T-Shirt über den Kopf. Ich sah es sofort. Und als sie noch den BH auszog, wurden meine schlimmsten Befürchtungen bewahrheitet. Pia hatte praktisch das gleiche Tattoo. Ein Baum mit Äpfeln, welcher ihre eine Brust bedeckte, seitlich der Stamm und die Wurzeln... genau wie ich es haben wollte.


Zuerst fiel ich in eine Art Schockzustand. Mein Traum löste sich innerhalb weniger Augenblicke in Luft auf. Ein Tattoo, welches schon jemand hat, das kam für mich nicht in Frage. Das durfte doch einfach nicht wahr sein. Nachdem ich - und offensichtlich auch Pia - vom ersten Schock erholt hatte, mussten wir nur noch lachen. So ein Zufall.


Bis heute habe ich mir den Baum nicht machen lassen. Aber es ist ok für mich. Ich finde das Motiv sieht an Pia sehr gut und ästhetisch aus. Ich schaue es mir oft aus der Nähe an und finde immer wieder neue, kleine Äste, Blätter und andere Details wie ein Wurmloch oder eine versteckte Spinne.


Vielleicht lasse ich mir nun was anderes tätowieren. Vielleicht ein nackter Adam und eine nackte Eva, die in den Apfel beissen. So hätte ich mein paradiesisches Motiv doch noch. Mal sehen.


ENDE

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